Einträge (RSS)
Kommentare (RSS)

Schelmenstück
Wo Narren spielen :3

Review: Narrenturm – Andrzej Sapkowski

Narrenspiel @ March 6th 2010 | Tags: , , , ,

Flattr this!

Narrenspiel sagt

Narrenspiel:

Medicus Reinmar – oder auch Reynevan – von Bielau lebt ein Leben auf der Flucht. Nachdem er beim dreckigen Sex mit Adele von Sterz, der Frau eines Adeligen, von den Brüdern ihres Ehemanns erwischt wurde, schwört ihm dessen Familie Rache und lässt seinen Kopf von Meuchelmördern durch ganz Schlesien jagen. Kaum ist er seinen Häschern entkommen, versucht er die Geliebte aus ihrem Versteck zu befreien und mit ihr nach Ungarn zu fliehen; doch auch dies scheitert und er muss erneut Hals über Kopf fliehen. Glücklicherweise lernt er bald eine andere adelige Tochter kennen, die blonde, tollkühne Katharina “Nicoletta” von Biberstein; doch nach einer an Faust II erinnernden Nacht mit ihr beim Hexensabbat ist auch sie verschwunden, und so jagt er ihr nach, bis er in die Hände der Inquisition gerät und sein Frauenherzen verdrehendes Köpfchen anstrengen muss, um – na, wer errät’s? – aus dem Narrenturm entkommen zu müssen. Blöd nur, dass er dabei an eine Gruppe von Hussiten gerät und schnell an einem Fluchtplan arbeiten muss, ehe sein Kopf in die nächste Schlinge oder auf die nächste Speerspitze gerät.

© dtv

Sapkowski dürfte einigen als der Autor der Witcher-Reihe bekannt sein, auf deren Vorlage auch das gleichnamige Computerspiel “The Witcher” beruht. Was er in “Narrenturm” versucht, ist dem Leser eine historische, politisch komplexe Realität durch Witz, Ironie und das Vermischen der Genres Fantasy und Historienroman plastisch und erlebbar zu machen. Und dies gelingt ihm; nicht zuletzt dadurch, dass er dem Lesen Myriaden historischer Fakten an den Kopf wirft, die den Charakteren natürlich längst ganz klar sind. Es gelingt ihm durch witzige und liebevolle Figuren, die Reinmar auf seiner Flucht begleiten, so zum Beispiel der straffällig gewordene Ordensbruder Scharley, der eigentlich eher Schelm als Mönch ist, oder der mächtige, brutale Dämon, der durch eine unglückliche Austreibung im Körper eines tumben, riesenhaften Jungen gefangen ist, sich seitdem Simon Honig nennt und irgendwann ein Kätzchen aus einer von den Hussiten verbrannten Stadt rettet. Es gelingt ihm durch makabre Situationskomik und das Andeuten einer mystischen Verschwörung, deren Schatten immer wieder Etappen von Reinmars Weg kreuzen.

An sich also ein gelungener Roman, in dem der Leser die politische Landschaft Osteuropas im 15. Jahrhundert aus den Augen des von Inquisition und hintergangenen Ehemännern gejagten Reinmar erleben kann. Nur – passieren tut nicht viel. Reinmar hat Sex, Reinmar flieht, Reinmar wird gefangen genommen, Reinmar entkommt, Reinmar findet einen Begleiter, Reinmar lernt eine Schnalle kennen, Reinmars Begleiter tötet seine Verfölger, der Vater von Reinmars Schnalle schickt neue Verfolger aus, Reinmar flieht, Reinmar wird gefangen genommen, Reinmar flieht mit Hilfe seines Begleiters, sie verstecken sich in einer Scheune, in der sich zufälligerweise die Creme de la creme der Inquisition zur Konspiration trifft, sie werden entdeckt, fliehen wieder… Das Konzept sollte dem geneigten Leser bewusst werden, ohne dass ich das ganze Buch nacherzählen muss. Das Buch liest sich nett, es ist stellenweise unterhaltsam, witzig, aber – es passiert NICHTS. Und so muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, ob er die eigene Zeit damit verbringen möchte, ein 700-seitiges Buch zu lesen, das zwar unterhaltsam zu lesen ist und in dem man viel über die mittelalterliche Geschichte Schlesiens lernt – wenn man es schafft, Fakten von Fiktion zu trennen -, in dem aber letztlich nicht nichts, aber halt auch nicht viel passiert.




required



required - won't be displayed


Your Comment:

WordPress Anti-Spam by WP-SpamShield

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe diese Soundkulisse. Es ist genial in seinem Bettchen zu liegen, an die dunkle Decke zu blicken und dieses beruhigende Rauschen zu hören. Ich bin fast versucht […]

Previous Entry

Uns zwei Narren hat es nach Berlin verschlagen. Für euch gibt es deswegen einen kleinen Schelmenblick auf Berlin. Bisher haben wir uns das Märkische Museum angesehen. Es offeriert dem Besucher die Geschichte Berlins – angeblich. Der erste Ausstellungsraum […]

Next Entry