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Schelmenstück
Wo Narren spielen :3

300€ monatlich für die Kinder der Reichen – Chance oder Desaster?

Narrenspiel @ April 11th 2010 | Tags: ,

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Narrenspiel sagt

Narrenspiel:

Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung findet sich die Absichtserklärung, das Büchergeld der nationalen Stipendiensysteme auf 300€ zu erhöhen. Außerdem sollen rein leistungsabhängige Stipendien in der Höhe von 300€ eingerichtet werden, die an die 10% Besten eines Studienjahrgangs ohne ideelle Förderung vergeben werden sollen. (entsprechend dem in NRW schon lange diskutierten Modell des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministers Pinkwart; siehe einen Bericht auf Spiegel-Online vom 11.07.2008: Pinkwart drückt sich selbst die Daumen)

Während es auf den ersten Blick erfreulich scheint, dass sich die Bundesregierung auch in Zeiten der Finanzkrise zu substantiellen Investitionen in den Bildungsbereich verpflichten möchte, offenbart sich unmittelbaren nach dem ersten Hinschauen schnell, dass es sich bei der Erhöhung des Büchergelds um 220€ um ein zweischneidiges Schwert handelt: Nach einer Studie des HIS erhalten 42% aller Stipendiaten der Stiftungen nur Büchergeld, d.h. sie sind nicht hinreichend bedürftig, um das dem Bafög äquivalente Stipendium zur Unterstützung des Lebensunterhaltes zu erhalten. Heißt: 42% der Stipendiaten kommen aus relativ wohlhabenden, zumindest nicht armen Haushalten. Nur etwa 25% erhalten ein Teil- oder Vollstipendium. Etwa zwei Drittel stammen aus einem Elternhaus, in dem zumindest ein Elternteil studiert hat. Insgesamt lassen sich die Daten wohl dahingehend zusammen fassen, dass es sich bei der Mehrheit der Stipendiaten der deutschen Begabtenförderungswerke um verhältnismäßig privilegierte Studenten handelt. In der Psychologie heißt dies hochtrabend “Matthäus-Effekt”: Denen, die schon viel haben, wird noch mehr gegeben.

Und diese Studenten, die eben mehrheitlich aus Akademikerhaushalten stammen und daher seit Beginn ihrer Bildungslaufbahn die Vorteile eines überdurchschnittlich gebildeten und vermögenden Elternhauses genossen haben, sollen nun auch noch monatlich 220€ mehr geschenkt bekommen? Ist das gerecht?

Begründet wird die Erhöhung des Büchergeldes damit, dass es seit den 80ern nicht mehr erhöht wurde und es sich vor allem um einen Inflationsausgleich handele. Außerdem würden die Begabtenförderungswerke ansonsten mit den parallel eingeführten, rein leistungsabhängigen 300€-Stipendien nicht konkurrieren können. Wer die Wahl zwischen 80€ und 300€ hat, entscheidet sich wohl meist für 300€.

Und das ist auch für mich der springende Punkt. Solange diese neue Form von Stipendium eingeführt wird, ist eine Erhöhung des Büchergeldes unabdingbar, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ob die Einführung dieser neuen Stipendien Sinn macht oder ob es vielleicht sozial verträglicher gewesen wäre, den Begabtenförderungswerken mehr finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, um auf herkömmliche Weise Stipendiaten aufzunehmen, ist fraglich. Wie sollen diese 300€-Stipendien überhaupt vergeben werden? Leistungsabhängig, aha. Die 10% Besten eines Jahrgangs; das wären also bei mir dann alle mit, hmm, 1,0 – 1,2? Moment, das sind doch schon 10 von 80 Studenten meines Jahrgangs. Das ist mehr als 10%. Und wer entscheidet nun? Und wer erklärt dem Studenten mit dem 1,312-Schnitt, dass er kein Stipendium erhält? Sollte ich an eine möglichst prestigelose Universität wechseln, um meine Chancen zu erhöhen, zu den besten 10% erhöhen? Ich muss sagen, dass ich sehr auf die genaue Ausarbeitung dieses Stipendienprogramms gespannt bin.

Zurück zum Büchergeld: Also ist es unabdingbar, wenn man konkurrenzfähig bleiben will. Und mit welcher Einstellung sollte man dem gegenüber stehen? Ich finde es nach langem nachdenken gut. Wenn es eingeführt wird, verfüge ich über 220€ mehr im Monat, die ich einem mir sinnvoll erscheinenden Zweck spenden kann. Ich könnte das Geld einem Fond spenden, der Schulwechsler aufs Gymnasium unterstützt, ich könnte mir zwei Schüler Heidelberger Schulen heraussuchen, deren Nachhilfeunterricht ich finanzieren könnte, es finden sich unzählige Ansatzpunkte – und deswegen finde ich die Erhöhung wunderbar! Etwa 14.000 Stipendiaten sind damit in der Lage, über 3.080.000€ des Bundeshaushaltes zu entscheiden! Nicht der Bundestag entscheidet im fernen Berlin, sondern wir können selbst über die Förderung sinnvoller Projekte entscheiden; wir, die als Studenten deutlich näher an den bildungspolitischen Brennpunkten leben und wissen, welches die eklatantesten Probleme im deutschen Bildungssystem des 21. Jahrhunderts sind. Und glücklicherweise werden die Stipendiaten der Begabtenförderungswerke nicht nur aufgrund ihrer Leistung, sondern auch aufgrund ihrer sozialen Engagements ausgewählt; ich bin mir sicher, dass einige tausende schlaue, sozial verantwortungsbewusste junge Menschen in der Lage sind, einige sinnvolle Projekte und Fonds auf die Beine zu stellen.

Weitere Informationen, Diskussionen, erste Vorschläge zu sozialen Projekten, und vor allem andere und kontroverse Meinungen findet ihr übrigens auf Stipendienkritik.de. Das Bundeskabinett entscheidet am 21. April über das Thema, anschließend müssen noch Bundestag und Bundesrat zustimmen.

Odonel sagt

Odonel:

Hand aufs Herz: Ich würde mich über die 220€ freuen und sie vermutlich keinem bildungspolitischen Zweck spenden. Vielleicht der Piratenpartei für ihren NRW Wahlkampf (geht wählen!) oder meinem Lieblingspodcaster (CRE *jubel*), damit er weiterhin coole Infosendungen produziert. Doch! Vermutlich würde ich tatsächlich einen Teil des Geldes spenden, aber bei weitem nicht alles und ohne jetzt viele Stipendiaten zu kennen … nein ich möchte keine allgemeingültigen wild guess abgeben. Das wird nur ungerecht für die Stipendiaten und peinlich für mich :) Ich fürchte einfach, dass das Geld der Bildung nicht so zu Gute kommen wird, wie du das erhoffst. Ich fände es besser, wenn man bei statt der 10% besten eines Studienganges die 10% besten der Bedürftigen eines Studienganges nehmen würde. Das bläht allerdings den ganzen Prozess noch einmal unerlässlich auf und kostet vermutlich noch einmal halb so viel an Verwaltungskosten wie ausgeschüttet wird. Aber hey: Arbeitsplätze! ^^

Narrenspiel sagt

Narrenspiel:

Ich weiß nicht. Zumindest haben sich einige Stipendiaten schon deutlich gegen die Erhöhung des Büchergeldes ausgesprochen, es gibt sogar schon eine Petition gegen das neue Stipendiensystem, die von Stipendiaten ins Leben gerufen wurde. Außerdem ist eine Voraussetzung für ein Stipendium soziales Engagement, und jeder wirklich rational denkende Mensch würde die Zeit wohl eher dafür einsetzen, Geld zu verdienen als sich in einem sozialen Projekt zu engagieren. Sicherlich mache auch ich mir keine Illusionen darüber, dass wirklich alle alles spenden; aber auch wenn die meisten nur einen Teil (z.B. 100€) spenden würde, wäre das doch schon ein substantieller Anfang.


2 comments to...
“300€ monatlich für die Kinder der Reichen – Chance oder Desaster?”
Tigerle

Ich möchte doch einmal unterstellen, dass es der Bundesregierung darum geht, den Anschein zu erwecken, etwas für die Bildung zu tun, ohne allzu viel ausgeben zu müssen. Jede Einschränkung auf einen möglichst kleinen Personenkreis impliziert auch, dass man nicht gewillt ist, das Geld zu investieren, um substanziellen Verbesserungen zu erzielen.
Ich frage mich: Wieviel könnte man in substanziellen Verbesserungen in der Bildung investieren, wenn man auf Verbesserungen, die mehr dem Schein dienen, verzichten würde?

Summa summarum hat die Bildungspolitik einen dicken Denkfehler: Man will zwar möglichst hervorragende Köpfe und sucht diese, um diese zu fördern, vergisst aber die Tatsache, dass man eine möglichst grosse Menge an Köpfen haben sollte, in der man hervorragende Köpfe suchen kann.
Studiengebühren? Och, was interessiert der Normalstudent. Hauptsache wir giessen unser geniales Pflänzchen. Das woanders auch ein weiteres geniales Pflänzchen spriessen könnte, wird einfach ignoriert. Aber das würde ja auch ordentlich Geld kosten.


David

Erst Studiengebühren einzuführen, um dann die 10% Besten finanziell zu fördern halte ich für etwas zynisch. Es sorgt halt mMn einfach nur dafür, dass das Leistungsprinzip an den Unis weiter verstärkt wird. Diejenigen, die weniger gut sind, haben wie alle die zusätzliche Bürde der Studiengebühren und können sich demnächst auch noch vorhalten lassen, dass sie sich ja einfach nur mehr reinhängen müssten, es gibt ja schließlich eine leistungsorientierte Förderung. Wenn man aber bereits einen Nebenjob eingehen muss, um sich das Studium zu finanzieren, studiert es sich lange nicht so gut wie mit der Zeit und Muße, die einem das Geld der Eltern ermöglicht, ergo kommt man auch schlechter unter die 10% besteb. Das sieht für mich so aus als wären die größten Verlierer dieser Förderung diejenigen, die ein gutes Studium hinlegen könnten, wenn sie denn nicht beruflich eingebunden wären. Ich gehe dabei davon aus, dass diejenigen, die außerhalb der Regelstudienzeit studieren von der Förderung ausgenommen sind (das ist zum Beispiel bei der Master-Förderung an der RUB bereits der Fall).

Es wäre übrigens ziemlich einfach diejenigen zu fördern, die bedürftig sind. Man müsst nur gucken, wer BAFöG-berechtigt ist, und könnte dann von dieser Gruppe die 10 % Prozent Besten eines Jahrgangs fördern (oder ihnen zum Beispiel die Rückzahlung des BAFöG einfach erlassen). Das erfordert kaum einen hohen Verwaltungsaufwand und wahrscheinlich sind damit die Bedürftigen ganz gut zu erreichen.

Ein weiterer Punkt ist, dass das Geld auch direkt zur Verbesserung der Lehre eingesetzt werden könnte. Wenn denn angeblich jeder auch mit den Studiengebühren in Deutschland ein Studium antreten und auch durchziehen kann, wäre es doch am Besten, wenn das Geld, das das Land bereitstellen oder von Firmen einwerben kann, direkt dem Lehrbetrieb zur Verfügung gestellt wird. Die Verbesserung des Zahlenverhältnisses von Lehrenden zu Lernenden ist immer noch mit das probateste Mittel, die Studienqualität zu verbessern. Wenn ich mir nun vorstelle, dass von den 300 € monatlich an die zehn Prozent Besten wahrscheinlich auch ein oder zwei Professorenstellen pro Studiengang geschaffen werden könnten (mit den entsprechenden Mittelbaustellen inklusive) drängt sich mir der Verdacht auf, dass die Verbesserung des Studiums nicht wirklich bei dem Plan im Vordergrund stehen kann. Warum sollen diese enormen Gelder, die da plötzlich möglicherweise bereitstehen (338 Millionen jährlich) in den Händen von Studis der Gesellschaft am Besten dienen? Wenn ich mir bei uns anschaue, was ein einzelner Prof in den Geisteswissenschaften mit einer Milionen über Jahre hinweg an guter Forschung UND guter Lehre (da mehr Mitarbeiter = mehr Lehrende am Institut = kleinere Seminare und mehr Zeit für Studenten) machen kann, kann ich mir die Vergabe des Geldes an besonders leistungsbewusste Studenten nur dadurch erklären, dass a) allgemein das Leistungsprinzip an Unis gestärkt werden soll und b) ein Argument geschaffen werden soll, das man Studiengebührengegnern entgegenhalten kann (ich höre es schön: “Wir fordern ja nicht nur, wir fördern ja auch.” der Brüller!). Der Punkt “Verbesserung der Lehre durch Verbesserung der des Zahlenverhältnisses Studi-Lehrender” ist übrigens nicht zu unterschätzen. Ich habe schon viele Dozenten sagen hören, dass sie gerne mehr individuelle und vor allem bessere Hausarbeitsbetreuung anbieten wollen, aber einfach zu viele Studierende da sind, um auch nur manchen gerecht zu werden. Den meisten glaube ich es sogar.

Was die Erhöhung des Büchergeldes für die angeht, die bereits in Stipendien sind, sehe ich da jetzt eigentlich kein riesiges Problem. Es handelt sich um eine (vergleichsweise) nicht sooo hohe Summe, oder? Man kann sich darüber streiten, ob es gleich 300 sein müssen, aber naja. es handelt sich dabei ja vor allem auch um Stipendien, die auch unter dem Gesichtspunkt sozialen Engagements vergeben werden und eben nicht nur nach dem Leistungsprinzip. Ob das Geld nun gespendet wird, ist mir dann fast egal, es kommt jedenfalls Leuten zugute, die sich auch noch durch andere Aspekte auszeichnen als gute Noten.

Danke für den interessanten Eintrag, übrigens!




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