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Schelmenstück
Wo Narren spielen :3

Tod eines Unbekannten

Narrenspiel @ August 25th 2010 | Tags: , , ,

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Narrenspiel:

Ich war heute auf der Beerdigung des Lebensgefährten meiner Großtante, der Anfang August an den Folgen seines Kehlkopftumors verstorben ist. Ich kannte diesen Mann seit drei Jahren und habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen, weil er infolge mehrere Operationen nicht mehr sprechen konnte, als ich ihn kennen lernte. Ich wusste genau vier Dinge über ihn: Seinen Namen, dass er mit seiner ersten Frau zwei Kinder hatte, dass er irgendwas zwischen 60 und 80 Jahren alt war und dass er irgendwo aus Süddeutschland stammte. Außerdem kannte ich einige, die sagten, dass er eigen war, was auch immer eigen heißen mag, also war er mir auch immer ein klein wenig unsympathisch.

So saß ich heute mittag in der Friedhofskapelle, vor mir sein Bild, auf dem er den Fotografen mit leicht hochgezogenen Augenbrauen anschaut, etwas spöttisch, dachte ich immer, als ich dieses Bild auf dem Esstisch meiner Großtante sah, vielleicht auch etwas ironisch und selbstbewusst, einen Hauch von herablassend. Rings um mich herum schwarzgekleidete Menschen, manche ähnlich hilflos wie ich, andere in Tränen aufgelöst. Direkt vor mir eine stämmige Frau, die zwei Plätze in der kleinen Kapelle für sich beansprucht. Und dann erfahre ich etwas von diesem Mann: Erfahre von seiner Leidenschaft für wilde Abenteuerreisen, von seinem Engagement in der Kommunalpartei, seiner Begeisterung fürs Fußballspielen. Dass er irgendwann mal als Hausmeister gearbeitet hat. Dass er einen Bruder hat. Ich frage mich, welcher der Anwesenden Trauergäste das sein könnte. Dass fast jeder in seinem Ortsteil ihn kannte und man kaum mit ihm spazieren gehen konnte, ohne alle fünf Minuten gegrüßt zu werden. Dass viele seiner Klassenkameraden heute irgendwo in dieser Kapelle sitzen. Und dann frage ich mich, ob er wirklich seltsam war, oder ob ich ihn nicht stattdessen in meiner Erinnerung als einen netten, bemitleidenswerten Mann behalten kann.

Ich frage mich, wie er sich gefühlt haben muss, all’ die Jahre lang, in denen er nicht reden konnte und durch die künstliche Ernährung an seine Wohnung gefesselt war; all’ die Jahre, in denen er nur von seinen Erinnerungen an Reisen in die Ferne schwelgen und nicht hoffen konnte, selbst noch einmal die Ferne zu sehen. Was er für einen Menschen bedeuten mag, der Geselligkeit schätzt, fast niemanden mehr zu haben, am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilhaben zu können. Was man wohl später einmal über mich sagen würde. Am Ende musste ich während des eigentlich hoffnungsfrohen Gottesdienstes doch ein wenig weinen. Wahrscheinlich, weil wir Frauen einen fragilen Propfen im Hals sitzen haben, der bei der kleinsten emotionalen Regung zerschellt und uns die Tränen in die Augen schießen lässt – emotional contagion wie aus dem Lehrbuch.

Am Ende sagen sie alle, dass es eine Erlösung für ihn war, sie nicken sich aus tränenverschmierten Augen zu und Lächeln sich an. Aber ich bin mir nicht sicher. Man weiß es nie.


One comment to...
“Tod eines Unbekannten”
Peter

Sehr mutiger, wenn auch trauriger Artikel.
Hmm.. eine Erlösung war es für ihn ganz bestimmt, unabhängig davon ob man an ein Leben nach dem Tod glaubt oder nicht. Immerhin leidet er jetzt definitiv nicht mehr.




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