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Schelmenstück
Wo Narren spielen :3

Little Brother

odonel @ January 27th 2011 | Tags: , , , ,

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“Erschreckend realistisch.” – Andrew “Bunnie” Huang

Odonel sagt

Odonel:

Alter, Leute ich hab die Hosen voll!

Als ich – glaube ich – 12 war, bekam ich von meinen Eltern George Orwells 1984 zu Ostern geschenkt. Ich weiß noch, wie stolz ich war, so erwachsene Lektüre zu bekommen und damit natürlich meinen eigenen Reifestand gebauchpinselt zu bekommen. Der Hauptcharakter Winston Smith, 39 Jahre, lebt im totalitären Überwachungsstaat des Big Brothers. Dort versucht Winston sich seine eigene kleine freie Welt aufzubauen, indem er eine Nische in seiner Wohnung sucht, von der ihn die dort installierte Kamera nicht sehen kann und einem Tagebuch seinen revolutionären Gedanken anvertraut. Es war ein beängstigendes Buch, weil es eine Welt beschrieb, die von der Realität inspiriert war und vielleicht mehr von ihr enthielt, als man es gerne gehabt hätte. Auch wenn mich das Buch sehr verstört hat – so sagt es mir zumindest meine eingebildete Erinnerung – war es nun einmal nicht die Realität. 1984 und der Big Brother waren zwar geflügelte Worte, die jeder kannte, aber die keine Relevanz für den Alltag hatten.

Little Brother ist ebenfalls eine Dystopie – eine dunkle Zukunftsvision – die natürlich nicht zufällig bereits im Namen eine provokative Parallele aufweist. Hier ist der Protagonist Marcus, 17 Jahre, auch bekannt M1k3y, The Hacker Formerly Know As W1n5t0n. Er lebt in San Francisco und eines schönen Tages wird die Bay Bridge von Terroristen in die Luft gesprengt. Gegen den Terror tritt nun die Heimatschutzbehörde auf den Plan und verwandelt San Francisco in einen Überwachungsstaat, mit einem Haufen Überwachungskameras, Datensammlungen zur Erkennung von absonderlichem Verhalten der Bewohner und dem rigorosen Einsatz von Tränengas gegen teilweise minderjährige Protestanten. Marcus sucht eine Möglichkeit nach nicht überwachter Kommunikation und findet sie im dem, was er später Xnet tauft – eine Methode das Internet so zu benutzten, dass ihn niemand abhören oder identifizieren kann. Er entzieht sich also der Überwachung und tut was? Bloggen :D – er schreibt Tagebuch.

1984 und insbesondere sein hoffnungsloses Ende war heftig. Trotzdem war die beschriebene Welt im schlimmsten Fall nur Teil einer sehr traurigen Vergangenheit, die fremd genug war, um es doch als Geschichte abzutun. Little Brother hat diesen Luxus nicht. Das Buch spielt im Hier und Jetzt und das ist der Grund, weswegen ich die Hosen so voll habe. Das Buchcover und der Rücken sind, wie so oft bei Büchern, vollgespickt mit Zitaten wichtiger Leute, aber Andrew “Bunnie” Huang – seines Zeichens Doktor der Elektrotechnik und erster Hacker der Xbox – hat es einfach den Nagel auf den Kopf getroffen. Realistisch! Es gab fast keine einzige Seite dieses Buches, bei der ich mir nicht gedacht habe, dass es mir genauso ergehen könnte. Die Einschränkung kommt auch nur daher, dass Marcus so gerne auf Konzerte geht ;) Man nehme die jetzigen Überwachungsmaßnahmen, multipliziere sie mit dem Faktor … hm … fünf bis zehn und zack ist der Arsch ab. Der verlängerte Arm des Staates ist in Little Brother nicht mit futuristischem Dingsbums ausgestattet, sondern nutzt ganz normale Technik. Unterstützt durch Folter: Waterboarding – einfach, sauber, effizient.

Der wirklich erschreckende Teil der Geschichte ist Marcus Hingabe, mit der er immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand anrennt, gerade denkt er hätte sie durchbrochen und dann doch nur merkt, dass die Wand wieder ein Stück dicker geworden ist. Der Autor Cory Doctorow hat diese Stellen wirklich sehr gut inszeniert. Immer wieder habe ich gedacht, dass es jetzt endlich geschafft ist, dass M1k3y nach allem den richtigen Einfall hatte, dass sich alles zum Guten wendet und dann wird Little Brother wieder grausam realistisch. Marcus trifft durch die Medien und die Menschen in seinem Umfeld auf genau dieselben zerschmetternden Meinungen, die mir selbst in Gesprächen und den Medien begegnen. Wir haben zwar ein Grundgesetz, das es uns erlaubt unsere Regierung zu ändern – deswegen fühlen sich alle pudelwohl, denn wenn es uns nicht mehr gefällt, dann ändern wir es halt – aber es ist einfach unmöglich, eine kritische Masse zu erzeugen. Jeder, der sich auf die Medienberichte und Politikermeinungen verlässt, ist der Ansicht, dass alles zu seinem eigenen Besten geschieht, ohne zu merken, dass er gerade Teil von einer modernen Interpretation Orwells wird. Auch wenn 1984 in den Schulen gelesen wird (wurde?) und es sicherlich ein Großteil der Bevölkerung zumindest in Grundzügen kennt, sind wir doch blind dafür, dass es so einfach geschehen kann. Dass die totalitären Systeme, die in 1984 beschrieben werden, so leicht umgesetzt werden können und wir in einem noch ausgefeilteren Doppeldenk darüber hinweggetäuscht werden können. Weil wir uns nicht einmal mehr einreden müssen, dass Lüge Wahrheit ist, sondern jede aufgetischte Lüge als Wahrheit hinnehmen. Little Brother zeigt, dass es keine Vergangenheit mehr sein muss und deswegen habe ich die Hosen voll.

4,5 von 5 närrische Schellen von Odonel

Das Buch nimmt jeden Neuling im Bereich Sicherheitstechnik an die Hand und erklärt alles, was man wissen muss, um die Geschichte zu verstehen. Aber auch für die Experten bietet es eine packende Geschichte, bei der man nicht zuletzt wegen seines großen Bruders bis zum Ende nicht wissen kann, ob es ein gutes Ende nehmen wird. Die Charaktere sind glaubwürdig und liebenswert. Trotzdem wollte sich keine zu starke Bindung für sie bei mir einstellen – vielleicht war das aber auch nur unbewusster Selbstschutz.


3 comments to...
“Little Brother”
Hannes

Du hast das Wichtigste vergessen ;-)

Das Buch steht unter einer Creative Commons Lizenz und ist somit frei zum Herunterladen und Weiterverbreiten verfügbar.
English: http://www.craphound.com/littlebrother/download/
Deutsch: http://www.cwoehrl.de/files/lbdt_v1.pdf

Und dank ShareAlike sind auch die Derivate frei, also z.B. das Hörbuch:
http://www.littlebrotherhoerbuch.wordpress.com/ bzw. Direktlink http://www.archive.org/download/CoryDoctorowsLittleBrother-Kapitel1/CoryDoctorow-LittleBrotherccVersion.zip

“For me — for pretty much every writer — the big problem isn’t piracy, it’s obscurity (thanks to Tim O’Reilly for this great aphorism). Of all the people who failed to buy this book today, the majority did so because they never heard of it, not because someone gave them a free copy. […]”
http://www.craphound.com/littlebrother/about/#freedownload

Dein Blog behauptet, ich wär ein Spammer. Daher die verstümmelten Links.


odonel

Ich habe mir mal erlaubt, die Links zu richten :) Wusste ich auch noch nicht, dass da eine Sperre drin ist. Ebenso muss ich wohl ganz überlesen haben, dass es da eine CC gibt. Vielen Dank für den genialen Hinweis!


Peterrr

Wird für den nächsten Urlaub als Lektüre vermerkt ^^




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