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Schelmenstück
Wo Narren spielen :3

Osama ist tot! Es lebe Obama?

Narrenspiel @ May 4th 2011 | Tags: , ,

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Narrenspiel sagt

Narrenspiel:

Ich gebe zu: Es ist zu lange her, dass wir ich das letzte Mal gebloggt haben. So ist das halt immer mit den Dingen, für dich man sich kurzfristig zu begeistern weiß und deren Flamme dann durch wieder viel zu schnell abkühlt. Glücklicherweise passiert in der Welt aber auch soviel Mist, dass zumindest ich regelmäßig das Bedürfnis verspüre mal wieder zu bloggen, und so bin ich diesem – endlich! – einmal nachgekommen.

Osama wurde getötet. Und 3 Tage hat es gedauert, bis ich in den gängigen Printmedien eine kritische Stimme vernehmen konnte, dass das vielleicht ja doch nicht so ganz mit dem Rechtsstaat vereinbar wäre – 3 Tage!

Ich bin heute erst einmal hier, um zu sagen: Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten. – Bundeskanzlerin Angela Merkel

Ich bin bei Weitem keine Expertin für Völker- oder Kriegsrechtsfragen, aber soweit ich es überblicken kann, war bin Laden sicherlich keine kriegsführende Nation, sondern juristisch eher ein äußerst einflussreicher Verbrecher. Einen solchen Mann nicht vors Gericht zu bringen, sondern in einer Nacht- und Nebelaktion zu erschießen, ist nichts anderes als vor dem Terrorismus zu kapitulieren. [Ich weiß, dass es mittlerweile offiziell heißt, er sei im Gefecht getroffen worden, und natürlich überlasse ich es jedem selbst zu entscheiden, ob diese Behauptung der Wahrheit entspricht.] Mir geht es aber auch gar nicht darum die USA dafür zu kritisieren, bin Ladens Tötung als innenpolitischen Coup zu instrumentalisieren, sondern vielmehr darum mir einmal anzuschauen, wie die restliche Welt darauf reagiert hat.

Meine erste Reaktion war den Kopf zu schütteln und mich zu fragen, ob dieser Einsatz entweder aus einem Geheimagenten-Film oder einer Shadowrun-Runde geklaut worden war. Eine hochriskante Überfallsaktion mit einem Einsatzteam aus Navy Seals? Das klingt wie im Rollenspiel! Und dann habe ich den medialen Jubel wahrgenommen – und wie die Helden im Rollenspiel auch wurden die Einsatzkräfte als Helden gefeiert. Helden, ein literarisches Konzept, für das ich in einer aufgeklärten, post-romantischen Gesellschaft keinen Platz sehe. Mir wurde flau im Magen.

Wie bereits skizziert – die meisten Medien haben zusammen mit Amerika jubiliert, dass der Terrorfürst endlich hinfort ist. Überall im Internet hat sich die Freude ausgedrückt, dass er erschossen wurde. An vielerlei Stelle wurde bejubelt, dass ein Mann ohne Prozess gerichtet wurde. War es denn fraglich, ob bin Laden strafbar war? Nein. Bedeutet das, dass man auf einen Gerichtsprozess verzichten darf? Bedeutet das, dass wir die Todesstrafe angemessen finden, wenn der Verbrecher nur schlimm genug ist? Ich bin grade auf ZEIT ONLINE über einen interessanten Artikel gestolpert, in dem der Autor (Hans Ulrich Gumbrecht) sich über die europäische Empörung über die Tötung bin Ladens aufregt und argumentiert, Kant hätte […] “die Tötung bin Ladens durchaus als moralisch gerecht angesehen”. Hätte Kant das wirklich? Hätte er dies, wenn er zu Beginn des 21. und nicht im 18. Jahrhundert gelebt hätte, so gesehen? Wenn er gewusst hätte, welches Bollwerk die Rechtsstaatlichkeit gegen den Terrorismus darzustellen versucht, und ihm bewusst gewesen wäre, welchen Wert Menschen- und Grundrecht im 21. Jahrhundert haben?

Andere Medien wie z.B. das Schall und Rauch-Blog amüsieren sich darüber, dass die USA bin Ladens Tötung inszeniert hätten, da schon länger bekannt sei, dass bin Laden bereits im Dezember 2001 gestorben sei (nachzulesen hier). Ich muss gestehen, dass ich diesen Medien genauso wenig glaube oder nicht glaube wie den üblichen Printmedien (und erst recht keine Anhängerin von Verschwörungstheorien bin), aber interessant fand ich es wahrzunehmen, dass auch in meinem Freundeskreis viele skeptisch waren, ob bin Laden wirklich tot sei. Warum wurde seine Leiche nicht gezeigt? Warum wurde er heimlich auf See beerdigt? Warum sollten wir diese Geschichte glauben?

Und ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich mich über diese Skepsis freuen oder erschrecken soll. Wir scheinen im Jahre 2011 in einer Welt zu leben, in der wir als aufgeklärte Individuen den Herrschern dieser Welt nicht mehr jedes Wort abnehmen, das diese uns zu verkaufen versuchen – eine rationale, aufgeklärte, kritische Sichtweise. Und erschreckend – denn wie können wir noch an die Demokratie glauben, wenn wir nicht mehr jenen glauben (können), die wir wählen uns zu repräsentieren?


One comment to...
“Osama ist tot! Es lebe Obama?”
Markus

Freut mich zu sehen, dass ich nicht der Einzige war, der auf die Medienberichterstattung irritiert reagiert hat.

Klar… unerwartete, wichtige Botschaften dieser Art erzeugen immer erstmal Euphorie und Kurzschlußreaktionen in den Medien ohne wirklich viel Hirn dabei und bin Laden war ein Verbrecher, so dass man der USA gratulieren kann, dass sie ihre Anti-Terror-Welt-Kampange vielleicht in geregelte Bahnen bringen kann damit oder zumindest ein abschreckendes Exempel statuieren konnte.
Aber alles andere hat mich wirklich ähnlich verwirrt. Überall fast nur als Fußnoten der Vermerk das Verbrecher eigentlich nicht heimlich beseitigt werden nach unseren Verständnis von Recht, generell so wirre und lückenhafte Informationen, was genau abgelaufen ist und innerhalb weniger als 24h hab ich so viele mehr Gag-Bilder ala “WOW, bester Wahl-Promo-Trick EVAAA” gesehen als Kritik an der ganzen Aktion… Da hab ich mich irgendwie schon gefragt, was da eigentlich für ein Theater gespielt wird (und was wird wohl dann auch der Grund sein warum so viele anfangen mit den Verschwörungstheorien).

Aber man muss wohl einfach einsehen, dass auch wenn “Top-Terrorismus” inzwischen out ist als reißerisches, instrumentalisierbares Thema – längst ersetzt durch die brandneue Bedrohung durch Kinderpornos und Datenklau/Missbrauch – trotzdem die wenigsten Medien den Mumm haben gegen diese “Anti-Terror rechtfertigt alles” anzugehen bzw. niemand sich als USA-kritisch abstempeln lassen will.

Aber es paßt einfach ins Bild, wenn man bedenkt was für strange Sachen im Verlaufe des Wikileaks-“Problem” von denen abgezogen wurde. Am Ende muss man wohl einfach akzeptieren, dass Doppelmoral die Welt beherrt und selbst zentrale politische Grundsätze öfter als einem lieb ist, nicht mehr als leeres Geschwafel sind. :(

Am amüsantesten fand ich ja berichte im Fernsehen, die wohl ernsthaft zu vermitteln versuchten, dass mit Osama Tod das Problem vom Terrorismus nicht gelöst ist… ja ne ist klar, wie Schwarz-Weiß kann man die Welt bitte sehen. O_o
Aber die erwähnten Verschwörungstheorien sind zumindest höchst amüsante Gedankenspielchen, wenn auch ziemlich sicher total realitätsfremd.

“”Meine erste Reaktion war den Kopf zu schütteln und mich zu fragen, ob dieser Einsatz entweder aus einem Geheimagenten-Film oder einer Shadowrun-Runde geklaut worden war.””
-> Mein erster Gedanke war eher “RL imitates Tom Clancy” aber ok… nachdem da irgendwelche Berichte reintickerten, wie Obama die ganze Aktion in seinem Super-Special-Einsatzzentrum persönlich überwacht habe, gewann das alles wirklich etwas James Bond SciFi Edition Flair ^^
Naja zumindeste scheinen die Medien inzwischen die Medien diesen anfänglich konstruierten Helden-Mythos schon selber zu demontieren…. las ziemlich schnell hinterfragende Statements wie perfekt alles gelaufen sein kann, wenn die offiziellen Quellen von nen Heli-Absturz berichten und das so hinstellen, dass die Tötung von Bin Laden sich wohl “ergeben hat” aus den Gefechten.
Die Anmerkung bezüglich der Helden-Begrifflichkeit hab ich allerdings dann trotzdem nicht verstanden. Letztlich ist das ein so dehnbarer Begriff, das ich weit davon entfernt bin, das rein auf ein Fiktion zu reduzieren. Aber das führt irgendwie ziemlich off-topic. ^^

“[Ich weiß, dass es mittlerweile offiziell heißt, er sei im Gefecht getroffen worden, und natürlich überlasse ich es jedem selbst zu entscheiden, ob diese Behauptung der Wahrheit entspricht.]”
-> Tia ist doch klar, dass wir es nie erfahren werden, denn wie immer gilt “Der Sieger schreibt die Geschichte” und tote/gefangene Terroristen wird man nie die Chance geben ihre Version der Story zu erzählen ‘(ob die wirklich jemand hören will ist dann nochmal ne andere Frage). Wird trotzdem nichts daran ändern, dass sich die Menschen nicht für dumm verkaufen lassen. Bei der bisherigen dürftigen Darstellung der Aktionen werden genug Leute auf längere Zeit spektisch reagieren und sich wie du fragen, wo das im große ganze Bild der Weltpolitik passen wird.

Für das Anführung dieser Aussage über Kant muss ich dir auf jedenfall danken. Das hat mich köstlich amüsiert, denn das ist auf jedenfall der größte Nonsense, den ich zu diesem Thema bisher gehört habe :D
Aber zeigt doch mal wieder so wunderbar, dass sich dort Leute in der Pflicht sehen für etwas zu rechtfertigen. Spannend…
Ich fand diese ganze Gedankenspiel ala “Was würde Person X von 200 Jahren von uns halten?” allerdings schon immer ziemlichen Bullshit. Klar stehen so Leute für sowas das man abstrahieren kann, aber persönliche Meinungen brauchen schließlich immer einen Kontext und ich bezweife das Kant überhaupt einen Meinung zu internationalem Terrorismus zum besten gegeben hätte, weil es einfach kein relevantes Thema seiner Welt gewesen sein kann. Wir würden ja auch nicht fragen was Sun Tzu über moderne / digitale Kriegsführung gedacht hätte oder sowas ;)

Aber auch wenn meine Auseinandersetzungen mit Kant in der Schulzeit schon fast vollständig verblasst sein, weiß ich immer noch wie krass formuliert ich den kategorischer Imperativ damals fand und würde gern mal mit welcher Troll Logik man die aktuellen Probleme in seine Philosophie reinzuwürgen versuchen wollte. :P

“Und ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich mich über diese Skepsis freuen oder erschrecken soll. Wir scheinen im Jahre 2011 in einer Welt zu leben, in der wir als aufgeklärte Individuen den Herrschern dieser Welt nicht mehr jedes Wort abnehmen,…”
-> Ich sehe es positiv. Menschen durchblicken einfach in der uns allumfassenden Medienwelt wohl einfach stärker, wie sehr Medienberichterstattung ein Machtinstrument sind und denken selber nach, wie viel man davon ungefiltert hinnehmen kann. Alternativ kriegen wir solche Prozesse einfach nur transparenter präsentiert, weil heute Jedermanns Meinung durch die ganze Welt gehen kann.
Aber es wirkt in der Tat etwas paradox das trotz all der Veränderungen unseres Medienkonsums und unseres Verständnis der Mechanismen so was wie Wahrheit kaum durchschaubarer geworden sein …




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