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Schelmenstück
Wo Narren spielen :3

Review: Best Served Cold

Narrenspiel @ April 20th 2012 | Tags: , , , , ,

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Narrenspiel sagt

Narrenspiel:

Phantastische Literatur war und ist für mich immer ein Vehikel gewesen, etwas über das Wesen der Welt zu verstehen; über Menschen, ihre Persönlichkeit, ihre Entwicklung, ihre Entscheidungen; in andere Gesellschaftsformen hinein zu schnuppern und diese zu erkunden, ohne eine echte politische Revolution erleben zu müssen. Daher sind für mich die Romane, die eine solche Dimension erreichen, echte Perlen der Fantasy-Literatur, die sich schnell an einer Hand abzählen lassen: Romane George R. R. Martin, ältere Werke von Robin Hobb, Dan Simmons und Steven Erikson. Für mich als Psychologin ist es immer viel interessanter zu erkunden, welche Effekte eine Handlung auf die Protagonisten hat und was Veränderungen für sie bedeuten; und dieser Frage geht Joe Abercrombie in seinem Roman “Best Served Cold” meisterlich nach.

Cover

© Gollancz

Worum geht’s?

Revenge is a dish best served cold (Pierre Choderlos de Laclos) – und genau darum geht es. Bei diesem Roman handelt es sich um ein Racheepos, in dem sich die Söldnerführerin Monza Murcatto an ihrem früheren Auftraggeber Orso rächen will, der sie und ihren Bruder aus der Befürchtung heraus, sie würde in der einfachen Bevölkerung zu populär werden und damit seine Herrschaft bedrohen, verrät. Ihr Bruder stirbt dabei, sie überlebt verkrüppelt und schwört sich, die sieben anwesenden Personen umzubringen und den Verrat zu rächen. Dazu heuert sie eine Reihe fragwürdiger Gestalten, Mörder, Schläger und Trinker an und beginnt, ihre Liste abzuarbeiten und damit die politische Situation des Lebens vollkommen umzukrempeln.

Worum geht’s wirklich?

In diesem Buch geht es neben allen großartigen Racheszenen und witzigen Dialogen darum, ob Menschen sich verändern können – wie weit sie sich verändern können, ob sie Veränderung aufhalten können, ob Veränderung eher zum Guten oder zum Schlechten hin geschieht, ob Veränderung von innen oder außen motiviert sein muss. Die Protagonisten – Monza, die überall als gnadenlose Generälin gefürchtet ist, aber eigentlich voller Mitleid ist; der kräftige, gutherzige Nordmann und Barbar Shivers; der zwangsgestörte Mörder Friendly; der narzistische Giftmischer Morveer; der alkoholabhängige Söldnerführer Nicomo Cosca (schon bekannt aus der First Law-Trilogie) – sie alle stehen auf der Bühne, um Abercrombie und seinen Lesern diese Fragen zu beantworten. Natürlich ist es nicht Aufgabe der Literatur, endgültige Antworten zu geben – und wenn es um Fragen der Persönlichkeitsveränderung geht, dann schaue ich mir lieber empirische Daten an, als die Auffassung eines Fantasy-Autoren zu glauben. Aber Abercrombie gelingt es sehr gut, diesen feinen Grad zwischen Belehrsamkeit und Neugierde zu finden und so können wir zusammen mit ihm erahnen, unter welchen Bedingungen sich Menschen verändern und welchen Preis sie dafür zahlen müssen.

Und warum sollte man das Buch sonst so lesen?

Unabhängig von seinen wirklich hervorragenden Charakterbeschreibungen ist Best Served Cold ein solider Fantasy-Roman, welcher den Leser an unerwarteten Stellen zu überraschen vermag. Das Buch liest sich schnell durch und hat ein wunderschönes Cover-Art (das auch einen Preis gewonnen hat); der Schreibstil ist sehr angenehm und die Actionszenen haben sich in meinem Kopf wie ein Kinofilm abgespielt, was mir sehr gut gefallen hat. Ein bisschen wie ein Kinofilm von Tarantino – und ich liebe Tarantino (er sollte dringend dieses Buch verfilmen!). Wer Tarantino nicht mag und auch generell blutige, brutale, awesome Action eher unangenehm findet, sollte von dem Roman wohl besser die Finger lassen – es wird viel gemordet, vergiftet, gefoltert. Das Worldbuilding ist solide, auch wenn es nicht mit Meistern der Fantasy-Literatur mithalten kann; man merkt aber deutlich, dass sich Abercrombie im Vergleich zur First Law-Trilogie schriftstellerisch weiter entwickelt hat, weil die Handlung nicht mehr wie zuvor vorhersehbar und klischeehaft ist, sondern an vielen Stellen wirklich überraschen kann. Im einigen Reviews im Netz wird kritisiert, dass die Handlung zu linear und im Vergleich zu First Law-Trilogie ein Flop sei – ich teile diese Meinung ganz klar nicht, ich halte Best Served Cold für das bessere Buch.

Und ich freue mich auf weitere Bücher von Abercrombie und bin gespannt, ob er auch anderen Fragen als denen, was Gut und Böse ist und wie man zu einem guten bzw. bösen Menschen wird, aufwerfen kann. Best Served Cold bekommt von mir jedenfalls 4,5 von 5 Narrenschellen:

4,5 von 5 närrische Schellen von Narrenspiel


One comment to...
“Review: Best Served Cold”
Tajjabba

Mah.. ich hab die First Law Teile gelesen.. nun hast du mir wieder Lust auf mehr gemacht.. schäm dich ;)




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Moment mal – Narrenspiel und ein Paranoia-Post? Das ist doch gar nicht ihre Aufgabe, oder? Ach, hier doch einmal. Ich habe über die Weihnachtsfeiertage ein süßes Geistchen in Odonels Browser entdeckt und war neugierig, was das wohl tut; niedlich genug ist es ja. Hinter diesem Geistchen verbirgt sich das kostenlose Browser-Plugin Ghostery, das mir seit ein paar Tagen eine Heidenangst einjagt.

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Am Rande des 4. Abenteuerwettbewerbs der Drachenzwinge, habe ich 10 Szenarioideen für Aventurien, der Welt des Schwarzen Auges, kreiert. Die meisten von ihnen eignen sich aber sicherlich auch hervorragend für andere Settings, die in einem Fantasymittelalter spielen.

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