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Schelmenstück
Wo Narren spielen :3

Ist Detektivarbeit der Feind des Horrors?

odonel @ June 9th 2015 | Tags: , , ,

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“Now all my tales are based on the fundamental premise that common human laws and interests and emotions have no validity or significance in the vast cosmos-at-large.” – H. P. Lovecraft Letter to Farnsworth Wrigth (July 27, 1927), in Selected Letters 1925–1929 (Sauk City, Wisconsin: Arkham House, 1968), p.150. via Wikipedia)

Odonel sagt

Odonel:

“Alle meine Geschichten fundieren auf der Prämisse, dass die Regeln, Interessen und Emotionen der Menschen keine Gültigkeit und Bedeutung im unermesslichen Kosmos haben.” Diese Worte schrieb H. P. Lovecraft an seinen Redakteur bei der Weird Tales, einem Magazin für Pulpgeschichten. Der Begründer des Cthulhu-Mythos wollte demnach Geschichten über die Ohnmacht der Menschheit schreiben. Der Sprung in das 20- Jahrhundert wurde von einem Voranschreiten der Wissenschaft und der Technik begleitet. Die Maschinen wurden den Menschen immer fremder und ihre Macht bedrohlicher. In der Wende zum 21. Jahrhundert könnte man analog vielleicht über machthungrige künstliche Intelligenzen oder Überwachungsstaatsdystopien schreiben.

In Pen&Paper-Rollenspiel Adaptionen von Cthulhu gibt es durchaus Geschichten in denen die Spielercharaktere nur hilflose Zuschauer sind, deren einziges Ziel, das Überleben ist. Mein eigenes Szenario Ein Krieg der niemals endet, fällt am ehesten in diese Kategorie. Aber es gibt auch sehr viele Cthulhuszenarien in denen es ein Geheimnis zu lüften oder ein Rätsel zu lösen gilt. Die Spielercharaktere sind Ermittler und insbesondere handelnde Akteure, die sich dem Horror stellen und ihn zu erklären versuchen.

Für mich waren das sehr häufig zwei Gegensätze. Ich habe erlebt, dass der Detektivanteil den Horror zerstörte. Die eigene Spielfigur wird am Anfang der Geschichte von etwas völlig unerklärlichen aus ihrem Leben gerissen und bricht darüber hinweg mental zusammen. Damit die Geschichte aber weitergehen kann, muss sie das Unerklärliche akzeptieren und analysieren. Es wird dadurch weniger schrecklich.

“Den Opfern dieser Morde fehlen alle inneren Organe? Welcher kranke Bastard macht so etwas?” – “Ach, das sind schon wieder diese Dimensionsschlurfer vom Planeten Sieben. Da streust du etwas Salz drüber und dann gehen die ein – wie bei Schnecken.”

Je angestrengter ich darüber nachdenke, was für ein Beispiel ich für horrorfeindliche Detektivarbeit nennen könnte, desto mehr merke ich, dass das Problem vielleicht ein anderes ist. Nicht Detektivarbeit schließt den Horror aus, sondern Rationalität ist der Feind des Schauderns. Die Rationalität schleicht sich beim Rätsellösen schnell ein, denn man möchte effizient ans Ende der Geschichte kommen. Aber gerade beim Rollenspiel ist der Weg ein essenzieller Teil des Spaßes. Was braucht also ein Detektiv bei der Aufklärung von Horror?

Respekt: Auch wenn beim Ermitteln das Unerklärbare durch nicht-menschliche Mächte eine Antwort bekommt, so handelt es sich bei dieser Erklärung immer noch um etwas, das man nicht einschätzen kann. Was will diese Macht? Zu was ist sie noch in der Lage?

Angst: Wenn man durch die Ermittlungen herausgefunden hat, wie gefährlich der Feind wirklich ist, kann man sich gleich doppelt so viele Sorgen um das eigene Überleben machen.

Motivation: Sobald das Ausmaß der Gefahr klar wird, muss es einen Grund geben nicht einfach fortzulaufen. Eine Insel oder eine verriegelte Villa können hier ebenso helfen, wie die Bedrohung der Familie oder die innere Überzeugung sich für die Menschheit opfern zu müssen.

Das Spiel mit dem Feuer: Selbst wenn ein Ermittler eine Menge über den Mythos herausgefunden hat, so sollte er nie in der Lage sein, die daraus gewonnene (übermenschliche) Macht zu kontrollieren. Sie einzusetzen ist kein Problem, aber es sollte ein Risiko dadurch entstehen.

Sollte ich mich also in Zukunft in der Welt des Cthulhymythos wiederfinden, werde ich die folgenden Situation versuchen anders anzugehen.

“Aha! Die Artefakte wurden von einem Kult, der den König in Gelb anbetet, gestohlen. Sie haben einen Unterschlupf am See.”
Stattdessen: “Oh, verdammt! Bei den Dieben handelt es sich um Kultisten. Die haben völlig den Verstand verloren. Wer weiß, zu was sie im Stande sind? Hier ist ihr Unterschlupf. Meinst du, die Geschichten über beschwörbare Dämonen sind wahr?”

“Aha! Hier steht, dass Sternenvampire in dem Moment sichtbar werden, wenn sie ihren Opfern das Blut aussaugen.”
Stattdessen: “Oh, verdammt! Sternenvampire sind so lange unsichtbar, bis sie von einem Opfer trinken. Dann könnte es aber schon zu spät sein. Ich weiß es ist viel verlangt, aber du bist der Stärkste von uns, Knut. Vielleicht braucht er bei dir am längsten, bis du kein Blut mehr hast. Es ist gefährlich, aber wir haben keine andere Wahl, als dich als Köder zu verwenden.”

“Aha! Es handelt sich also tatsächlich um einen Zeitreisenden.”
Stattdessen: “Oh, verdammt! Es muss ein Zeitreisender sein. Das ist zwar unmöglich, aber was sonst sollen wir glauben? Heißt das, er weiß schon vorher was wir planen, um ihn aufzuhalten?”

Es macht fast den Anschein, als ob die Antwort auf fehlenden Horror eine gehörige Portion Pessimismus sei. Der Horror des Unerklärlichen kann auf jeden Fall durch Besorgnis ersetzt werden – dann ist es mehr Grusel und Angst vor dem, was vor einem liegt. Vielleicht ist dies der Erzählbogen eines Cthulhu-Szenarios: Am Anfang steht die Angst vor dem Unbekannten und zum Höhepunkt regiert Angst vor dem Scheitern.

Fazit: Nicht das Lösen von Geheimnissen ist der Feind des Horrors, sondern das Rationalisieren der Erkenntnisse.

Haben euch Horrorermittlungen auch schon so enttäuscht wie mich? Was denkt ihr, braucht ein Szenario, damit sich der Detektiv nach dem Rätsel noch gruseln kann?




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Dieser Bericht soll euch helfen das Szenario Der Ausbruch aus dem Band Schnellschüsse zu leiten. Ich berichte von meinem Spielabend, den Rahmenbedingungen dieses Abends und ziehe Schlüsse, was ich beim nächsten Mal anders machen würde.

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Die Erzählung ist spannend. Allerdings nicht, weil man wissen möchte, wer die Schlacht gewinnt, sondern weil man immer mehr über die Menschen auf beiden Seiten erfahren will. Ich hatte nie große Erwartungen an das, was als Nächstes geschehen mag, oder habe groß mitgefiebert, sondern die meiste Zeit nur beobachtet. Ich empfand das Buch fast als eine Art Dokumentation. Das klingt furchtbar langweilig, aber das war es nicht. Man könnte es als Anti-Kriegs-Roman verstehen.

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